Where is the love?

IMG_6688

–          Der Account einer Facebook-Userin wird gehackt, es wird eine böse Statusmeldung gegen Ostdeutsche verfasst. Die ahnungslose Frau sieht sich Morddrohungen, Beleidigungen und einem Shitstorm sondergleichen ausgesetzt.

–          Ein bekannter Twitterer verfasst auf seinem Blog einen Spendenaufruf, um einer Freundin in Not zu helfen. Die Kommentare unter dem Blogpost sind ein Konglomerat von Widerwärtigkeiten, Missgunst und Misanthropie.

–          Ein paar Bloggerinnen schließen sich zusammen und rufen gleichzeitig dazu auf, Waagen Waagen sein zu lassen und sich um ein besseres Körpergefühl und Selbstbild zu bemühen. Sie werden beschimpft, dass sie für so einen Aufruf viel zu normalgewichtig seien.

–          Jeder Tippfehler, jede Ungenauigkeit in den Artikeln von SPON, FAZ.NET, ZEIT oder SZ.DE löst einen Sturm der Entrüstung und/oder hämische Kommentare der Leser aus.

–          Ein Bild von Claudia Roth, die in Istanbul vom Tränengas erwischt wurde, wird mit bitterbösen Kommentaren, Beleidigungen und nationalistischen Äußerungen auf Facebook bedacht. Achtung: Mit Klarnamen.

–          Eine 15-jährige Beauty-Vloggerin wird hässlich, fett und scheiße genannt und beschimpft, dass sie zu wenig Videos dreht.

–          Eine Twitterin postet ein Bild des Mannes, der sie in der S-Bahn sexuell belästigt hat und muss aufgrund des Shitstorms ihren Account auf „privat“ stellen. Achtung: Die Belästigte, nicht der Täter.

–          Sarah Kuttner äußert sich auf Twitter flapsig über Jared Leto und wird daraufhin von Fans bedroht, beschimpft und „armselig“ genannt.

–          Tausende Frauen (und einige Männer!) posten unter #aufschrei ihre Erfahrungen mit Sexismus. Der Hashtag gewinnt den Grimme-Online Award. Hämische bis wütende Kommentare sind die Folge.

–          Unter einem Artikel auf SPON über Urban Farming wird sich darüber ausgelassen, dass immer fancy englische Worte benutzt werden müssen. (Darüber kann man sich aufregen? Ernsthaft?)

–          Die Initiative „Pfand gehört daneben“, die sich dafür einsetzt, dass Pfandsammler nicht im Müll wühlen müssen und dadurch in ihrer Würde nicht (so sehr) verletzt werden, bekommt lauter Hassmails- und Kommentare auf Facebook.

–          Eine Bloggerin berichtet von ihrem Versuch, sich vegan zu ernähren und gesteht dabei, dass sie es nicht immer hunderprozentig durchziehen konnte. Dafür wird sie mit verächtlichen Kommentaren bedacht.

Was ist los?

Was bewegt Menschen, sich im Internet so hasserfüllt, verächtlich, herablassend und beleidigend zu verhalten?

Die Theorie mit der Anonymität des Internets ist irgendwie hinfällig, da u.a. Facebook eine Shitstorm-Plattform ist, die Klarnamen verwendet. Dennoch: Würde die Kommunikation face-to-face stattfinden, wären solche Pöbeleien nicht denkbar. Was geht in diesen Menschen vor? Ist es das Ablassen des eigenen Frusts? Welche Abgründe der menschlichen Seele kommen hier zum Vorschein?

Habe nur ich den Eindruck, dass diese Entwicklung immer mehr an Fahrt aufnimmt? Dass es noch vor ein, zwei Jahren nicht so schlimm war?

„Wer etwas kritisiert und verurteilt, sollte es selbst erstmal besser machen“

Ich habe keine empirischen Untersuchungen durchgeführt, aber ich wage die These: Trolle können gut meckern – das wars dann aber auch. Sie werden sicher nicht selbst zu Bloggern, Journalisten oder Social Media Managern, um ihre Verbesserungsvorschläge kruden Meinungen in die Tat umzusetzen.

Versteht den Titel nicht falsch: Ich möchte soziale Medien nicht in eine rosa-Einhorn-Regenbogen-Blumenwiese verwandeln. Vielfalt von Meinungen, kontroverse Diskussionen, verschiedene Standpunkte – super. Davon lebt unsere Gesellschaft. Mir ist klar, dass der Begriff der sozialen Medien schon „Austausch von Meinungen” schreit.

Dennoch: Diese Sache mit der Ahnung und der Fresse. Dieses „Wenn ich nichts Gutes beizusteuern habe, halte ich meine Klappe“. Das kleine rote Kreuz da oben rechts. Dieses „Bis 10 zählen und dann erst dazu äußern“. Dieses „Wenn du mit dem Finger auf andere Menschen zeigst, zeigen drei Finger auf dich selbst“. Dieses Durchatmen – Runterkommen. Dieses „Fünfe gerade sein lassen“. Dieses „Nicht jeden sofort als Gutmenschen beschimpfen“. Dieses Ding mit der Selbstbeherrschung. Dieses kleine Wörtchen „Respekt“. Diese Bemühungen, soziale Medien nicht zu asozialen Medien verkommen zu lassen.

Leute. Was haben wir mit Twitter, Facebook, tumblr, Blogs oder Leserkommentaren für eine unglaubliche Möglichkeit, unsere Gesellschaft zu gestalten. Lasst es uns doch versuchen. Auf freundliche, respektvolle und besonnene Art und Weise.

5 Comments

  • L. says:

    Ein interessanter Post. Wenngleich auch erschreckend. Ich habe aber auch das Gefühl, dass die Ausbreitung des Hasses und der Gemeinheiten immer schneller und aggressiver voranschreitet. Wirklich schade. Und umso wichtiger das Problem zu thematisieren. Nur eine plausible Antwort auf die Frage des “Warum?” ist mir bisher auch noch nicht eingefallen.

    LG, L.

  • ALW says:

    http://youtu.be/XdffrAQT09g?t=23m35s
    Willemsen hat mal wieder auch was kluges darüber zu melden.

  • Anne says:

    Ich würde gerne was dazu sagen, weil du so recht hast – aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Du hast das Phänomen sehr gut, aber erschreckend dargestellt und ich weiß nicht, ob man überhaupt eine befriedigende Anwort auf das “warum” finden kann. Traurig, dass für die Betroffenen die einzige Möglichkeit ist, sich eine dickere Haut zu zulegen oder sich ins Private zurück zu ziehen.

  • MissMutig says:

    Die meisten wollen damit nur Aufmerksamkeit erzielen, sowohl die, die etwas posten, vloggen oder twittern, sowie auch die, die einen shit-storm anfangen. Die einen öffnen sich und die anderen lachen darüber, oder verpönen es, weil sie selber angst haben, sich zu öffnen, weil sie sich selber nicht trauen, was sie da verpönen. Und auch wenn sie mit ihrem Namen posten, sie kennen den Verpönten nicht persönlich, also immer drauf da. Traurig ist das.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>