Vegetarier essen meinem Essen…

Schon immer habe ich ganz selbstverständlich Fleisch gegessen. Es gehörte einfach dazu, zwar nicht zu jedem Essen, aber doch regelmäßig. So ein gutes Steak, von Papa gebraten, ist schon was Feines. Als ich dann ausgezogen bin, habe ich weniger Fleisch gegessen. Aus unterschiedlichen Gründen: Fleisch ist teuer, es gibt so viele tolle vegetarische Gerichte, ich war mir oft nicht sicher über die Zubereitung, vegetarisch kochen ist oft nicht so aufwändig. Das waren meine Gründe. Gerne habe ich Fleisch trotzdem gegessen. In der Kantine, als Aufschnitt, bei meinen Eltern, im Restaurant. Nicht selten habe ich darüber nachgedacht, einfach komplett auf Fleisch zu verzichten. Doch dafür war ich nicht bereit. Es schmeckte einfach zu gut, ich hatte auch oft Appetit darauf. Trotzdem leuchteten mir die Beweggründe der Vegetarier ein, und bei Diskussionen von Vegetariern vs Fleischessern war ich oft auf der Seite der Vegetarier. Sie haben einfach die besseren Argumente.

Wie bei vielen Menschen muss bei mir der Prozess Fleischesser zu Vegetarier langsam durchlaufen werden. In den letzten Wochen gab es einige Anstöße, die mich mal wieder dazu gebracht haben, über mein Essverhalten nachzudenken. Einer davon war dieser Artikel. Zum Anderen war ich neulich auf der Autobahn, wir fuhren von Niedersachsen nach Norden Richtung Hamburg und ständig an leeren dänischen Tiertransportern vorbei. Die Erklärung meines Chefs: In Dänemark werden die Tiere hochgepäppelt und gemästet. Der enorme Kostendruck der Branche zwingt die Produzenten dazu, ihre Tiere nach Norddeutschland zum Schlachten zu bringen und das Fleisch dann wieder nach Dänemark zurückzutransportieren. Was mich wieder dazu brachte, an die Aufkleber an den Ampeln in meiner Umgebung zu denken: Stoppt die über 8-stündigen Tiertransporte!

Ich weiß nicht genau, warum es gerade diese Dinge sind, bei denen sich mir das Herz zusammenzieht und nicht die Millionen anderen Erzählungen, Filme usw. Vielleicht, weil es hier real wird. Es ist realistisch und hängt unmittelbar mit meinem Umfeld zusammen.

Okay, ALDI-Fleisch habe ich sehr schnell aufgehört, zu kaufen. Bio-Fleisch ist das einzige, was mir zuhause auf den Tisch kommt. Aber es kann mir keiner erzählen, dass das Kantinen-, Restaurant-, Döner-, Burger- oder Pizzafleisch von glücklichen Tieren kommt. Und kaufe ich mir beim Bäcker ein belegtes Brötchen mit Putenbrust, fällt mir gar nicht so schnell auf, dass es mal wieder Fleisch war. Und mal wieder Fleisch, bei dem ich garantiert nicht genau wissen möchte, wie es hergestellt wurde.

Ich möchte also endlich Konsequenzen ziehen. Mein Problem ist nicht die Möglichkeit, an vegetarisches Essen heranzukommen. Zuhause koche ich eh fast nur vegetarisch, Aufschnitt habe ich rausgeworfen und durch Käse ersetzt, in der Kantine gibt es so ein gutes Angebot, dass ich mich die komplette letzte Woche ausgewogen vegetarisch sattessen konnte.

Mein Problem ist der Heißhunger. Auf Döner, Burger, Steak, Salamipizza. Und ich glaube, dass eine Radikalkur den Heißhunger nur verstärken würde. Ich möchte also schrittweise, schleichend das Fleisch aus meinem Leben streichen. Man sehe es mir nach, wenn ich mir morgen nach der Arbeit eine Currywurst hole (das schlechte Gewissen mache ich mir schon selber zur Genüge). Aber ich möchte da bewusster herangehen. Bewusst verzichten und bewusst Alternativen suchen.

Hat jemand von euch damit Erfahrung? Tipps? Berichte? Hilfreiche Internetseiten? Bücher? Und zwar welche, die nicht so moralinsauer sind, dass ich mich gleich wie die letzte Barbarin fühle?

Und wer weiß, wann ich das erste Mal einige Monate am Stück komplett vegetarisch verbracht habe. Dann bin ich stolz auf mich. Es wird ein langer, wenn auch nicht unbezwingbarer Weg werden.

5 Comments

  • Vpunkt says:

    Bei mir war der Verzicht auf Fleisch ja auch ein schleichender Prozess.
    Angefangen hat alles bei mir nachdem ich die Doku “Food Inc.” (Filmtipp Nummer1) gesehen habe. Ab da fing ich bewusst an mir Gedanken zu machen und traf (gemeinsam mit meinem Papa!) den Entschluss deutlich weniger Fleisch (und dann auch nur noch Biofleisch) zu konsumieren.
    Ich muss dazu sagen, dass ich Fleisch eigentlich gar nicht so lecker finde. Hack find ich unappetitlich anzusehen und auch vom Geschmack ist das definitiv nicht meins… Klar sind Hähnchen und ein richtig geiles Steak schon ne feine Sache aber den Kampf Fleisch vs. Kartoffel gewinnt bei mir jederzeit die Kartoffel (außer Kartoffelsalat und -suppe).
    Zusammen mit meinem Freund haben ich mir dann (nochmal nach Jahren) We feed the World (zweiter Filmtipp) gesehen, was meinen Entschluss, meinen Fleischkonsum drastisch einzuschränken, nochmal verstärkt hat.
    Da mein Papa ein Mensch ist, der sich auch viele Gedanken um Nahrung, Umwelt und Nachhaltigkeit macht, hat er mich den ganzen Prozess über unterstützt (und ihn sogar mitgemacht) und mir dann vor etwa einem halben Jahr “Tiere essen” (Buchtipp!) geschenkt und, als ich es durchgelesen hatte, selbst gelesen.
    Seit dem verzichte ich komplett auf totes Tier (oder wie das Buch sagt “Leichen”) mit einer großen Ausnahme: Weihnachten.
    Ich muss gestehen, dass mir Weihnachten dann doch über meine Überzeugungen geht und ich deshalb am 24.12. den traditionellen Karpfen essen werde.

    Ansonsten verzichte ich aber auch konsequent auf Gelatine und versuche immer noch herauszufinden, wie genau ich herausfinden kann, wann in Apfelsaft (!) Tier verarbeitet ist.
    Aktuell probiere ich mich durch alle Fleischprodukte und liebe jetzt schon die Valess Steaks “Sweet BBQ” (die original nach Hähnchen schmecken!) und Veggie Filet Schnitzel.

    Ich glaube auf jeden Fall, dass es sich lohnt mal genauer über die Entscheidung vegetarisch zu leben und zu essen nachzudenken. Bisher habe ich sie noch keinen Moment bereut, weil es für mich und mein Gewissen definitiv das beste ist.

    Lediglich mein Freund (der eigentlich sonst stolz auf seine “vegetarsiche Freund” ist) meinte vorgestern mal, er fände es doch ein wenig schade: “Wir können uns nie 40 Chicken McNuggets holen und die uns teilen!”

    Die meisten Probleme habe ich unterwegs essen zu finden. Bei den Eltern vom Freund läuft es doch einfacher als erwartet. Seine Mutter war anfangs zwar etwas entsetzt (“Kein Fleisch mehr? Und was ist mit Wurst…!?”) aber sie nehmen trotzdem erstaunlich viel Rücksicht. Damit hätte ich eigentlich gar nicht gerechnet, weil sie normalerweise Hack benutzen, wie andere Leute Maggie.

    • Lina says:

      Mir schmeckt Fleisch leider ziemlich gut. Aber oft ist es vielleicht auch nur der Heißhunger auf Fettiges. Und Fast Food ist eben meist fleischhaltig. Aber es gibt ja auch super Alternativen; Pommes mag ich gerne und Falafel und vegetarische türkische Pizza auch.

      Das A&O ist wahrscheinlich eine gute Essensplanung, damit der Heißhunger gar nicht entsteht… Nur leider bin ich total schlecht in sowas ;) Ich vergesse immer, rechtzeitig zu essen und bekomme dann plötzlich Megahunger.

      Ich denke auch, dass es ein Schritt-für-Schritt Weg ist und dass es einfach eine Entwicklung ist, die man durchmacht. Danke auf jeden Fall für deine Tipps! “Tiere essen” wollte ich sowieso gern lesen.

  • Lucie says:

    Da finde ich mich zu 100 Prozent wieder! :)
    Ich habe vor ungefähr anderthalb Jahren beschlossen, nur noch Fleisch zu essen, von dem ich weiß, dass es bio ist. In der WG koche ich sowieso immer vegetarisch, zu Hause bei meinen Eltern gibt es nur bio, und wenn ich mal mit der Familie ins Restaurant gehe, sind das meistens Häuser die ihr Fleisch eher nicht ausm Aldi haben (sicher sein kann man sich da nicht, das ist klar…). Wenn ich allein bzw. mit Freunden in der Stadt unterwegs bin, hab ich durchaus auch mal Heißhunger auf ein Fischbrötchen oder einen Döner- ich schnapp mir dann einfach die vegetarische Alternative, d.h. beim Bäcker Käsebrötchen, bei Mäcces Pommes oder den Veggieburger (den mag ich echt gerne!), beim Döner den Falafel-Yufka und in der Pizzeria irgendeine Gemüsevariante. Zu 95% der Zeit krieg ich das ganz gut hin, aber maaaaanchmal darf man ja auch sündigen und doch mal wieder nen “richtigen” BigMac essen- So sehe ich das zumindest :) Ich denke, sobald man mal damit angefangen hat wird es auch immer leichter- ich ekle mich zum Beispiel inzwischen richtig vor den Wurst- oder Fleischkäsebrötchen beim Bäcker, die würde ich echt nie aussuchen (war bis vor nicht allzu langer Zeit noch nicht so!). Probier doch einfach so konsequent wie möglich zu sein! Wie du schon sagst- alles andere führt nur zu schlechter Laune. Ich drück dir die Daumen :)

    • Lina says:

      Ab Mittwoch Abend besuche ich meine Eltern im Urlaub an der Nordsee für vier Tage, das wird bestimmt nicht leicht. Wenn ich jetzt nur schon an die Scampi bei Gosch denke…
      Aber es gibt ja wirklich gute Alternativen und die Restaurants haben ja oft auch extra ausgezeichnetes Bio-Fleisch.

      Ich ekle mich noch nicht vor den Wurstbrötchen, allerdings finde ich die mit Käse überbackenen Brötchen schon lange eklig (Stichwort Analog-Käse und dann der Geruch…). Das kommt bestimmt auch bald mit Wurstbrötchen ;)

      Und danke fürs Daumendrücken! Ich werde auf jeden Fall mal berichten, wie und ob ich es geschafft habe… :)

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