Trotz ihrer blonden Haare hat sie es auf die Uni geschafft.

“Ohne eine Gefühlsregung geht der Autist durchs Leben”
“Trotz ihrer Gehörlosigkeit ist sie ein fröhlicher Mensch”
“Die 48-jährige Julia ist an den Rollstuhl gefesselt”
“Seinen Alltag meistert der blinde Autor tapfer”
“Eine bewundernswerte Frau ist die junge Mutter mit der Beinprothese”

Finde den Fehler.

Zugegeben, bis vor ein paar Wochen wären mir solche Formulierungen kaum aufgefallen. Klar, hätte ich darüber nachgedacht, hätte ich schon gemerkt, dass da etwas falsch läuft. Aber nun, wo ich mich in meinem Praktikum täglich in einem sozialen Netzwerk für Menschen mit Behinderungen mit dem Thema beschäftige, bin ich sensibilisiert worden. Zwar immer noch im Prozess der Sensibilisierung (der wohl auch noch länger läuft), aber trotzdem schon einen großen Schritt weiter als noch Ende März. Im Zuge meiner Aufgaben im Netzwerk bin ich tief eingetaucht in die Thematik „Behandlung von Behinderung in den Medien“

Einen großen Beitrag zur Sensibilisierung von Journalisten leistet leidmedien.de, ein Projekt von den Sozialhelden (das übrigens für den Online Grimme Award nominiert ist). Die Initiatoren geben Hilfestellungen für Formulierungen, machen auf aktuelle Themen aufmerksam, zeigen auf, welche Worte und Wendungen gar nicht mehr gehen und wie sich Menschen mit Behinderung dabei fühlen. Man sollte meinen, dass so eine Seite gar nicht gebraucht werden müsse.

Und wie sieht es in der Realität aus?

„Menschen mit Behinderung sind in den Medien entweder Opfer oder Helden“, ist das Thema, was Raul Krauthausen, Gründer der Sozialhelden und seit Neuestem Träger des Bundesverdienstkreuzes, diskutieren möchte.

Bloggerin Carina stellt fest: Viele Menschen mit Handicap werden geduzt. Einfach so.

„Warum kann ich nicht auch einmal die Mörderin sein?“, fragt Sarah Gordy, Schauspielerin. Wieso hat sie immer die fröhlichen, freundlichen Rollen?
Und wieso sind Rollstuhlfahrer in Filmen in der überwiegenden Mehrheit Schauspieler ohne jegliche Gehbehinderung?

„Ich fühle mich überhaupt nicht an den Rollstuhl gefesselt“, sagt Rebecca Maskos, freie Journalistin. „Der Rollstuhl ermöglicht mir Mobilität und Freiheit. Das Bild des Fesselns ist fatal.“ Natürlich ist das nur eine Metapher, doch was soll sie aussagen? Das Wort „fesseln“ lässt einen unweigerlich an Hilflosigkeit, Opferstellung und Gefangenschaft denken. Und es ist damit das Attribut, was man von dem Moment an mit dem Menschen verbindet.

„Ich würde mit der Persönlichkeit als erstes anfangen und nicht mit der Tatsache, dass derjenige eine Krankheit hat“, stellt Ninia LaGrande klar.

Warum scheint das trotz der offensichtlichen Taktlosigkeit noch nicht überall angekommen zu sein? Ich glaube: Es ist einfach. Die üblichen Metaphern, Rollenbilder und Formulierungen stecken in den Köpfen fest. Man muss nicht nachdenken und kann sich außerdem ein gutes Gewissen gratis abholen, indem man Menschen mit Behinderung bemitleidet oder zu Heiligen macht. Diese Verhaltensweise ist (leider) noch ein Automatismus. Davon nehme ich mich nicht aus. Ich denke, oft ist es auch die Unwissenheit (und die schlechte Recherche) von Journalisten, die Menschen stigmatisieren (Siehe dazu den SPON-Artikel nach dem Amoklauf in Newtown). Dass jemand unter seiner Behinderung „leidet“ – das ist die Annahme, die getroffen, oftmals aber nicht nachgeprüft wird.
Gleichbehandlung ist ein Menschenrecht. Wieso gilt dieser Grundsatz offensichtlich nicht in den Medien? Ist das zu unbequem?
Seit der UN-Behindertenrechtskonvention sollte der Gleichbehandlungsaspekt noch deutlicher hervortreten. Denkt man.

Ein weiterer Denkanstoß ist die Begrifflichkeit der „Behinderung“. Viele Menschen mit Behinderung postulieren: Ich bin nicht behindert. Ich werde behindert. Und zwar darin, mein Leben nach meinen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Das gilt im Alltag, aber auch bei größeren Themen wie Arbeit, Wohnen und Uni.

„Behinderung“ – was ist das schon? Ich werde behindert, weil ich eine Frau bin, weil mein Gegenüber mich eventuell unsympathisch findet, weil er grüne Gummistiefel nicht mag. Also möglicherweise völlig willkürlich. Worauf ich hinaus will: Jeder von uns ist und wird in irgendeiner Form behindert. Manche sichtbar, manche unsichtbar.
Über mich sagt niemand „Trotz ihrer Brille nimmt sie am sozialen Leben teil“, oder „Schon ihr ganzes Leben leidet sie unter ihrem Hang zum Drama“.

Ich möchte hier nicht zum Moralapostel werden. Gerade weil ich selbst erst vor kurzem auf die Thematik gestoßen bin, möchte ich meine Erkenntnisse und Gedanken teilen. Um zum Gedankenmachen anzuregen. Und mich selbst dazu zu bringen, mehr kritisch zu hinterfragen.

1 Comment

  • Lucie says:

    Sehr guter und wichtiger Text, danke! Ich habe durchs Medizinstudium ja oft genug mit Kranken/Behinderten zu tun und weiß wie belastend das ist, wenn man plötzlich (oder schon immer) ausschließlich über seine Krankheit definiert wird. Die wenigsten wollen doch, dass dieser Aspekt immer im Vordergrund steht…man muss sich nur mal selbst in die Lage versetzen. Ein Blog der mir bezüglich des Umgangs mit Behinderten in unserer Gesellschaft echt auf die Sprünge geholfen hat ist dieser hier: http://jule-stinkesocke.blogspot.de/ Einfach uuuunglaublich was manche Leute sich rausnehmen, da kann man echt nur noch mit dem Kopf schütteln. Mal durchklicken lohnt sich! Liebste Grüße von der Insel :)

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