[Schöne Aussicht] Der Funken Mut

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Diesen Text habe ich mit kleinen Änderungen vor genau einem Jahr geschrieben. Und weil ich ihn immer noch so wahr finde und der Funken Mut gerade bei der Wahl eines Lebensweges so unabdingbar ist, kommt er noch einmal hier in der [Schöne Aussicht]-Reihe. Enjoy!
Als ich mich mit 18 für ein Studium entscheiden musste, fiel mir die Wahl unendlich schwer. Wobei es nicht so sehr die Wahl, sondern vielmehr die Entscheidung für etwas und damit auch gegen etwas war. Denn wir wissen ja alle: Jede Entscheidung ist ein Massenmord an Möglichkeiten. Wenn du 18 bist und dir die Welt offen steht, dann magst du dich nicht beschränken. Du möchtest deine Möglichkeiten nicht begrenzen, sondern sie bis zum Limit auskosten. Und doch musst du die Lektion lernen: Irgendeine Entscheidung ist unumgänglich. Schon damals wurde mir von allen Seiten gepredigt, ich würde mich damit ja nicht für mein ganzes Leben festlegen. Auch während des Studiums, als ich an meiner Entscheidung zweifelte, war das Credo, es müsse ja nicht mein ganzes Leben so weitergehen. Das war damals – mit 20 und in einem festen Arbeitsverhältnis mit Verpflichtungen über mehrere Jahre – ganz schön schwer zu begreifen. Und doch sitze ich jetzt hier, mit einem Uniabschluss, einem fast fertigen zweiten Studium, tausend neuen Erfahrungen, hundert neuen Bekanntschaften, lauter unglaublichen Reisen und der Erkenntnis: Das Leben ist keine Einbahnstraße und nein – natürlich habe ich mich damals nicht für immer festgelegt.

IMG_9604Jetzt, wo das Ende des Studiums angebrochen ist und ich mich bedrohlich schnell der 27 nähere, stehe ich vor neuen, furchteinflößenden Entscheidungen. Was will ich mit meinem Leben anfangen? Wohin will ich beruflich gehen? Was ist mir privat wichtig? Und es scheint, als hätte ich nichts, aber auch gar nichts aus meinen Erfahrungen gelernt. Wieder wird mir erzählt, ich müsse mich ja nicht für mein Leben festlegen. Die Wege würden sowieso nicht gerade verlaufen. Ich werde garantiert ganz anders abbiegen, als ich es jetzt noch denke. Und ich weiß, dass sie Recht haben. Ich weiß, dass mich mein Weg dorthin führen wird, wo ich ihn noch nicht vermute. Und doch fällt es mir so unendlich schwer. Das süße Privileg der Studentin, die sich treiben lassen darf. Die mal hier und mal dort hineinschaut. Die es sich leisten kann, sich gegen Dinge zu entscheiden und sie nächste Woche wieder total super zu finden. Ich will dieses Privileg nicht verlieren.

Der Hauptgrund, warum ich noch keine weiteren Videos gedreht habe, ist dass ich nicht weiß, an welchem Format ich langfristig Spaß haben werde. Und da geht es schon wieder los, denn: Das ist doch völlig nebensächlich. Die kleine Diskussion unter Bloggerinnen neulich ergab, dass wir alle unsere Blogs gestartet haben, ohne konkret zu wissen, wo die Reise hingeht. Und dass die Reise für manche von uns Irrwege genommen und man sich ständig neu erfunden hat. Wenn mir das eine Format nicht mehr gefällt, dann ändere ich es eben wieder.

IMG_9766Noch vor drei Jahren hätte ich niemals gedacht, dass mir die Fotografie so sehr Spaß machen würde. Ich wusste, dass ich es mag, aber dass ich einen solchen Ehrgeiz entwickeln, dass es zu einem absoluten Herzensprojekt werden würde und dass meine Bilder mit etwas Übung tatsächlich ganz gut werden würden - ich hätte es ehrlich nicht gedacht. Ich hätte damals mit 20 auch nicht gedacht, dass mir eine Karriere jemals wichtig werden würde. Heute weiß ich, dass es lediglich daran lag, dass ich noch nicht das gefunden hatte, was zu mir gehört. Wer hat das schon mit 20 Jahren? Und heute weiß ich immer noch nicht genau, was zu mir gehört. Aber ich merke, dass ich mich der Sache nähere. Finde deine Leidenschaft und verfolge sie – dieser Satz hat mir immer unglaublich viel Druck gemacht. Leidenschaft? What?! Und so langsam kann ich Licht am Ende des Tunnels sehen. Weil ich mich in Projekte stürze, sie verändere und das herausziehe, was Herzklopfen und Endorphine verursacht. Ist das nicht so ein bisschen was wie Leidenschaft? Ich weiß aber sicher: Alles lässt sich ändern. Nichts ist in Stein gemeißelt.

Treffe Entscheidungen bewusst. Aber behalte immer im Kopf: Du triffst – zumindest berufliche – Entscheidungen niemals für immer. Du bist immer noch die Chefin deines eigenen Glücks. Mit Gelassenheit und Selbstvertrauen – und einem Funken Mut und Tollkühnheit.

 

In meiner Serie [Schöne Aussicht] beschäftige ich mich regelmäßig mit der Frage, wie wir Entscheidungen angehen können. In jedem Artikel nehme ich mir ein Thema vor, das euch und mir hoffentlich hilft, in dem ganzen Gewusel aus Uni, Arbeit, Reisen, Sozialleben und generellen Lebenskrisen einen der vielen Wege zu finden, die uns glücklich machen können. Diskutiert, teilt eure Tipps mit und gebt mir gern reges Feedback – auch wenn es ein bestimmtes Thema gibt, das ihr gern behandeln möchtet!

 

1 Comment

  • Tabea says:

    Also ich bin im Moment dabei, mein Abitur zu erlangen – und habe mich schon letzten Sommer für Maschinenbau entscheiden müssen, da ich gern dual studieren wollte. Ich musste damit auch viele andere Möglichkeiten links liegen lassen, aber ich glaube, ich werde wohl auch bei meinem Maschinenbau bleiben, da ich sonst das Gefühl habe, so viele Lebensjahre verschwendet zu haben… auch wenn das natürlich nicht stimmt.

    Dennoch freut es mich, dass du jetzt deinem Gefühl nach auf dem richtigen Weg bist. Und dein Appell, uns bewusst zu machen, dass man Entscheidungen auch ändern kann, finde ich auch gut und werde ich wohl hoffentlich in Zukunft immer im Hinterkopf behalten.

    Liebe Grüße

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