Ostseesommer



Processed with VSCO with a5 presetUnd wenn die drückende Hitze sich über den Ort legt, schließen die kleinen Läden in den Straßen die Rollläden. Die Buddelschiffe in den Schaufenstern arbeiten weiter am Ausbleichen, so wie sie es auch schon in den Sommern davor getan haben. Tapfer sehen sie sich der sengenden Mittagssonne ausgesetzt und harren aus, so wie der Hund, den man jedes Jahr wieder durch die Straßen stolpern sieht, der im Baumschatten Zuflucht sucht und der eigentlich schon so alt ist, dass es gar nicht sein kann, dass er hier immer noch auftaucht.

In den Straßen kaum ein Mensch und wenn, dann ist es ein verirrter Tourist, der für seine Familie kurz das Schlauchboot aus der Ferienwohnung geholt hat.

Fährt man über den Deich, an den Schafen vorbei, dann bietet sich ein völlig anderes Bild – trotz der immer noch sengenden Hitze und der flirrenden Luft, die über dem heißen Sand und seinen zahllosen Strandkörben liegt, findet hier Leben statt. Aus der Ferne die Ansagen des „Ostseeclowns“ über die Lautsprecher, „spiel mit mir Theater“, eine Melodie, die ich seit mittlerweile 24 Jahren kenne. Aus dem Augenwinkel bunte Wimpel und Windspielzeuge, wer weiß, wer die überhaupt kauft, ich würde nie auf die Idee kommen, aber irgendjemand muss sie kaufen, sonst wären nicht die ganzen Strandkörbe damit dekoriert.

Am Eisstand eine lange Schlange aus Tagestouristen mit weißen Polohemden und Ausflugsrucksäcken, Kindern, die – direkt aus dem Wasser kommend und mit Schwimmflügeln um den Armen – Geld für eine Schlemmerwaffel (die mit Gummibärchen obendrauf) zugesteckt bekommen haben und zankenden Familien, bei denen schlussendlich jeder einen Germknödel bekommt, viel mehr als er eigentlich essen könnte, aber dann sind die quengelnden Kinder mit Sonnenstich wenigstens kurz ruhig.

Das Freibad, eigentlich Ort der Zuflucht, weil hier im Wasser nichts vermeintlich Ekelhaftes lauert, nicht so wie im Meer, wo Quallen, Seetang und Krebse eigentlich nur existieren, um die Schwimmer zu erschrecken. Das Freibad, das trotz des beißenden Chlorgeruchs ein bisschen Natürlichkeit ausstrahlen soll und deshalb mit gereinigtem Meerwasser gefüllt ist. Ein Sprung ins kühle Nass, untertauchen, ein paar Meter einfach nur schwimmen, nichts hören, nur das Wasser um den Körper herumgleiten lassen. Auftauchen und die spielenden, schreienden, springenden und schwimmenden Menschen um sich herum wahrnehmen, in die man fast hineingeschwommen wäre. Heulende Kinder, Schwimmnudeln, Tauchringe und ist da hinten nicht der Bademeister, bei dem ich mein Seepferdchen gemacht habe? Aus dem Becken über den heißen und pieksenden Waschbeton zum vergilbten Gras, wo das Handtuch liegt und schon dreimal getrocknet und so sehr am Ausbleichen ist wie die Buddelschiffe in den Schaufenstern.

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Mit dem heißen Handtuch abtrocknen, dabei sandiger werden als je zuvor. Die Tannennadeln abzupfen und in ausgelatschten Flip Flops gen Ausgang schlurfen. Freibadpommes haben sich selten so wenig verlockend angehört. Einen Schattenplatz nahe der Dünen am Südstrand suchen. Das Buch herausholen und das Treiben auf der Promenade, auf dem Deich, auf dem Strand und im Wasser aus sicherer Entfernung beobachten. Merken, wie die Wärme und die Ruhe entspannen. Das Flirren in der Luft nicht mehr als bedrohlich, sondern als Begleiterscheinung eines friedlichen Sommers an der Küste wahrnehmen. Die salzige Luft einatmen. Zuhause sein, zumindest für eine kurze Zeit.

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1 Comment

  • Tabea says:

    Das klingt einfach nur nach einem Traum.
    Die Ostsee ist schon was besonderes – da war ich im letzten Jahr mit meinen besten Freundinnen. Dieses Jahr habe ich es nur an einen Watt-Strand an der Nordsee geschafft… aber selbst der hat was magisches, wenn man diese Sommerfeeling-Einstellung mit an den Ort bringt ;)

    Die Fotos machen aber echt Lust, noch mal ins Auto zu steigen (hallo, 6-7h Fahrzeit), um die Ostsee zu besuchen… nur muss ich ja ab heute arbeiten :(

    Liebe Grüße

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