Ohrenbetäubende Stille [fem.]

IMG_4626Es ist eine Kakophonie aus wirren Gedanken, im Kreischton geäußert. Aus so hasserfüllten wie hilflosen Botschaften. Aus öffentlichen Äußerungen von Politikern, die die Hoffnung auf eine vernünftige, tolerante und weltoffene Gesellschaft Wort für Wort zum Bröckeln bringen. Was bleibt übrig?

Die Tapferen, die sich unerbittlich gegen Rechtspopulismus, Sexismus, Rassismus und andere Widerlichkeiten stellen (Ich schreibe bewusst nicht “Dummheit”, denn es geht bei diesen Themen nicht nur um den Grad an Intelligenz, sondern auch um den Grad an Arschlochverhalten). Die mit shit beworfen werden, bis sie selbst nichts mehr können. Bis der Hals wehtut, die Stimme kratzt, die Reserven aufgebraucht sind. Wer mit ihnen einer Meinung ist, der steht ihnen bei, erhebt selbst die Stimme und stellt sich ins Kreuzfeuer – oder lässt es.

Ich lasse es viel zu oft. Meine Twitter-Timeline ist sehr politisch und auch ich schreibe dann und wann auf dem Blog etwas Politisches. Nur vielleicht nicht so oft, wie es notwendig wäre.

Wie sollen denn meine Werte verteidigt werden, wenn ich mich selbst nicht so oft dafür gerade mache wie ich es gerne würde? Wie kann ich von einer starken Gesellschaft träumen, wenn ich selbst nur einen kleinen Teil dazu beitrage?

Natürlich finde ich es zum Kotzen, wenn vom Erstarken des Linksradikalismus geredet wird, während ein paar hundert Meter entfernt Asylbewerberheime angegriffen werden, wenn aktiv von Nazis versucht wird, Menschen zu töten (und bitte, bitte: Hört auf, das Wort “Asylanten” in den Mund zu nehmen. Please).

Und ich bewundere die Arbeit der Aktivistinnen rund um #ausnahmslos. Ich lese die Tweets, mit denen der Hashtag gekapert werden soll und es kommt mir übel hoch.

Ich habe Angst vor den Männern, die mir auf dem Straßenfest, auf der Rolltreppe oder in der U-Bahn an die Beine und den Hintern packen und mir mit feuchter Aussprache ins Gesicht sagen, ich solle mich nicht so haben, während ich sie mit bewusst noch feuchterer Aussprache dafür zur Sau mache. Ich habe keine Angst vor Menschen, die ihr Hab und Gut zurückgelassen, Familienmitglieder verloren und in Lebensgefahr dieses Land betreten haben – illegal, weil es für sie nämlich keine legale Möglichkeit gibt.

Ich kotze, wenn ich das Wort “Obergrenze” höre und kotze noch mehr, wenn solche Gedanken nun auch lautstark von Parteien geäußert werden, die ich zuvor eher als gemäßigt eingeschätzt hätte.

Ja, ich schäme mich für regelmäßige Montagabende, an denen ohne Konsequenzen Hitlergrüße gezeigt werden und an denen ziemlich viele rechte Augen blind zu sein scheinen.

Auf Twitter, Facebook und auf Blogs lese ich die Beiträge von Frauen, die den Antirassismus verteidigen und sich gegen Sexismus stellen. Die unermüdlich wiederholen, dass Vergewaltigungen keinesfalls importiert wurden, dass die Instrumentalisierung von Themen, auf die Aktivist_innen tagtäglich aufmerksam machen, verachtenswert ist. Und was sehe ich noch? Drohungen, Beleidigungen, Vergewaltigungswünsche, Gewaltverherrlichung, eskalierende Diskussionen, Derailing. Kommentarspalten in Onlinemedien lese ich kaum noch, der Button “Kommentare” unter Facebookposts ist wie eine tickende Zeitbombe und #Aufschrei ist für mich mittlerweile nicht mehr aufrufbar.

Werde ich gefragt, wie meine Erfahrung mit solcherlei Kommentaren ist, bleibe ich stumm. Nicht weil ich nichts erzählen will, sondern weil es nichts zu erzählen gibt. Bisher wurde ich noch nicht auf diese Art und Weise angegriffen – weil ich mich oft aus der Diskussion heraushalte. Weil ich polarisierende Äußerungen scheue, auch wenn ich sie unterstütze. Weil ich Schiss habe.

Lesen wir diese Gewaltandrohungen und persönlichen Beleidigungen, dann wird uns übel. Aber können wir uns nur im Geringsten vorstellen, wie Frauen sich fühlen, die diese Kommentare bekommen? Täglich, hundertfach, in jedem Satz ein Schlag unter die Gürtellinie, ein Stich in die Seele, ein Krieg gegen die Würde. Wer traurige Befriedigung darin findet, Frauen so obsessiv online fertigzumachen, ist ein armes Schwein. Die betreffenden Frauen wissen das und doch – ein derartiger Hass macht etwas mit dem Gemüt. Er bohrt. Er setzt an, zu vernichten.

Anita Sarkeesian ist wohl eine der Frauen, die das besonders zu spüren bekommen haben. Sie berichtet von physischen und psychischen Auswirkungen der Hasskampagne gegen sie. Das ist ein extremes Beispiel, aber ein verdammt reales. Selbst, wenn Frauen diesen Hass nur im Kleinen abbekommen – er ist da.

Und ich wüsste nicht, wie ich mit ihm umgehen soll. Ich kenne mich und ahne, dass es mich kaputt machen würde. Das viel positive Energie, die ich habe, ins Gegenteil kippen würde.

Ist das eine Entschuldigung dafür, sich zurückzuhalten? Den widerlichen Sexisten, Rechtsradikalen und anderen armen Würstchen das Feld zu überlassen? Die geradestehenden Aktivist_innen alleine zu lassen? Ich bin noch nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen psychischer Gesundheit und notwendiger Empörung.

Ich möchte aber versuchen, präsenter zu werden. Mehr Flagge zu zeigen. Gegen verbalen Missbrauch einzustehen. Und ich rufe euch dazu auf, es ebenfalls zu versuchen.

Zu guter Letzt bitte ich auch nochmal die Männer: Steht Frauen bei, die unter Beschuss stehen. Verteidigt sie. Zeigt eure Solidarität.

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