Eine Stadt verlassen, das ist wie Liebeskummer haben.

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Manche Städte schummeln sich einfach so in dein Leben. Du wusstest schon immer, dass sie da waren. Du hattest sie schon öfter besucht, mochtest sie sogar und wohntest trotzdem woanders. Dann werden sie plötzlich präsenter. Dazu musst du nicht einmal umziehen. Ob es ein Job ist, ein Mensch oder irgendetwas anderes, was dich in diese Stadt versetzt. Du beginnst, mehr Zeit dort zu verbringen. Du gewöhnst dich an sie. An ihren Rhythmus. An ihre U-Bahn, ihre Straßenschilder, ihre Ausblicke. Die kleinen Details, die Street Art, die muffeligen Menschen. Die freundlichen Menschen, die du kennenlernst und liebgewinnst. Sie machen die Stadt aus. Du erlebst die Stadt im Wandel der Jahreszeiten. Im Winter dick eingepackt über S-Bahn-Brücken laufend, im Frühling den ersten Kaffee in der Sonne trinkend, im Sommer im Schatten im Park liegend oder auf Open Airs tanzend und im Herbst die Laubhaufen mit den Schuhspitzen in die Luft wirbelnd.

Vielleicht weißt du es zwischendurch nicht einmal mehr zu schätzen. Wie in einer langen Beziehung nimmst du die Präsenz des anderen für selbstverständlich. Irgendwann kommt es zum Streit. Nein, kein Eklat. Vielleicht eher kleine Zickereien und Sticheleien. Du wirst genervt. Die Eigenheiten der Stadt, die dich am Anfang so faszinierten – sie beginnen, dich zunehmend zu stören. Das brodelnde Leben wird zu anstrengenden Menschenmassen. Die Weitläufigkeit wird zum zeitzehrenden Ärgernis. Das charmant Unfertige wird zu dreckigen Ecken.

Trotzdem hörst du nicht auf, diese Stadt zu lieben. Die Stadt und du, ihr passt euch aneinander an. Ihr beginnt, im gleichen Takt zu leben. Ihr werdet ein Teil voneinander. Ihr mögt euch vielleicht nicht jeden Tag sehen, ja nicht einmal jede Woche. Aber ihr gehört von nun an zusammen.

Irgendwas passiert, was dich die Stadt verlassen lässt. Vielleicht zieht dein Partner um. Vielleicht bekommst du Jobs in anderen Städten. Vielleicht ziehst du selbst so weit von der Stadt weg, dass du nicht mehr so oft dort sein kannst. Der erste Gedanke – es ist okay. Der zweite – bricht dir das Herz. Sicherlich, du kannst dann und wann die Stadt besuchen. Aber die Stadt wird sich weiterentwickeln, so wie du es auch tust. Die Menschen gehen weg. Du nimmst andere Wege. Die Stadt rinnt dir langsam durch die Finger.

Die Vergangenheit, die du mit der Stadt teilst, ist unwiederbringlich verloren. Es ist okay, das zu beweinen. Es ist okay, untröstlich zu sein. Eine Stadt verlassen – das ist wie Liebeskummer haben.

Wenn du Glück hast, verzeiht die Stadt dir deinen Fortgang. Dann gibt es vielleicht doch noch Hoffnung. Und ihr werdet euch wiedersehen. Für eine zweite heftige Liaison, bei der ihr alles besser machen werdet als beim ersten Mal. Versprochen.

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