Eine Social Media Romanze in drei Akten

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Hey du,

ich wollte dir nur kurz was sagen. Wir passen perfekt zusammen. Wir sind Seelenverwandte, das einzig wahre Paar und eigentlich füreinander bestimmt, wenn ich an Schicksal glauben würde. Du lässt mich zumindest mit dem Zweifel zurück, es gäbe vielleicht doch ein Schicksal. Verrückt, wie du das gemacht hast.

Nur – du weißt das noch gar nicht. Ich hingegen weiß es genau. Seit du mir gestern bei Tinder vorgeschlagen wurdest und ich mich so durch deine Bilder gewischt habe, sind einige einsame Stunden im Bett mit meinem Smartphone vergangen. Kennst du das Gefühl, wenn man jemanden auf Tinder unfassbar attraktiv findet und beim Durchgehen der Bilder jedes Mal Angst hat, dass diese Anziehung von einem plötzlichen furchtbar peinlichen Foto zerstört wird? Das ist bei dir nicht passiert. Eben grade haben wir sogar gematcht und ich bin vor Schock fast gestorben. Hektisch bin ich alle meine Bilder durchgegangen und hab mich gefragt, welches es war, das den Ausschlag gegeben hat. Ich kann es dir gern zuschicken?! Oder fandest du meinen Spruch im Profil gut? Oh Gott. Ich hoffe, du fandest ihn okay. War er peinlich?

Jedenfalls habe ich gestern dann nach längerer Suche endlich dein Facebookprofil gefunden, alle deine Profilbilder durchgeklickt und mich darüber geärgert, dass es nur sieben Stück sind. Das mit deinen Freunden morgens vorm Club auf dem Gehweg finde ich übrigens besonders toll. Du hast die Nacht durchgefeiert und das sieht man dir an, aber selbst in diesem Zustand bist du wunderschön und deine Haare in dem nachlässig geflochteten Zopf und der ganz minimal rausgewachsenen Blondierung auch. Gut zu wissen, wenn wir für den Rest unseres Lebens nebeneinander aufwachen werden.

Weil du bei Facebook auch deine besten Tweets manchmal teilst, bin ich dann auf deinen Twitteraccount gekommen. Ich frage mich zwar, was das soll, dass du diesen Artikel vom Focus retweetet hast, aber das können wir gern nochmal genauer besprechen, wenn ich für uns Abendessen koche. Wobei du ja auch selbst sehr gern kochst, das habe ich gesehen, weil du dankenswerterweise deine Instagrambilder bei Twitter automatisch verlinkst. Dein Instagramaccount ist eine perfekte Mischung aus artsy, bewusst lässig und ein bisschen exhibitionistisch. Das hat mich kurz abgelenkt. Wahrscheinlich weißt du das selbst gar nicht, also das mit der perfekten Mischung jetzt, denn du bist doch der Typ Mädchen, der total unabsichtlich cool ist. Das sieht man deinem Feed an. Das Schwierige an meiner Reise durch deine Instagramvergangenheit war jedoch, dass ich mehr als einmal fast ein Bild von dir vor zwei Jahren geliked hätte und das hätte leider das Ende unserer aufkeimenden Beziehung bedeutet, von der du noch gar nichts weißt.

Unter irgendeinem Bild hat eine Freundin (Was ist das für eine Freundin?! Habt ihr noch Kontakt?) etwas zu deinem letzten Set geschrieben und dich auf Soundcloud zu finden war dann gar nicht mal so schwer. Ich glaube übrigens, den Inkognito-Modus hat Chrome extra für mich eingerichtet. Naja, wie dem auch sei – das angesprochene Set ist mir bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Aber warum hast du nur eins? Hast du irgendwann aufgehört, Musik zu machen? Irgendwie konnte ich dazu keine weiteren Infos finden. Süß war aber, dass dein altes MySpace-Profil noch verlinkt war. Deine Frisur mit 15! Über die muss ich auf jeden Fall mit deiner Mutter reden, wenn wir sie dann mal besuchen fahren. Ihr Garten, in dem ihr mal Apfelkuchen gegessen habt (hatte sie dir ja auf die Facebook-Timeline gepostet), sieht total gemütlich aus, auch wenn mir die Bezüge für die Gartenstühle nicht so gefallen. Aber solange sie uns die nicht zum Einzug in die gemeinsame Wohnung schenkt, soll mich das nicht weiter stören.

Ich frag mich aber, warum du deinen Blog nirgendwo auf deinen Social Media Profilen verlinkt hast. Ist das Absicht, dass man den erst findet, wenn man deinen Namen googelt und dann bis zur dritten Seite der Suchergebnisse gelangt? Wie dem auch sei, ich hab Kino heute Abend abgesagt, damit ich dann ausführlich deine Blogposts lesen kann, mit denen du ja leider vor einem halben Jahr aufgehört hast. Denen muss ich mich jetzt erstmal widmen.

Aber um nochmal kurz auf den Grund meines Schreibens zurückzukommen. Ist es okay, wenn ich einen Tisch für Freitagabend gegen 20 Uhr reserviere? Ich hab auch schon meinen Mitbewohnern gesagt, dass ich gern die Wohnung danach für mich hätte. Eine Zahnbürste hab ich dir auch schon besorgt, kein Problem.

Update: Achso, das was ich vorgestern geschrieben habe. Ja, also. Ich weiß immer nicht so genau, wie man sowas am besten formuliert. Aber wir haben uns ja gestern zufällig bei dieser Vernissage gesehen und du hast mir das Bier verkauft und – also, nachdem wir kurz geredet haben, muss ich leider doch sagen, dass das mit uns beiden nichts wird. Irgendwie hab ich mir dich anders vorgestellt, so im real life. Aber mal was anderes, ich hab grad ein bisschen deine Freunde recherchiert und sag mal, diese Anna, weißt du? Die mit den hübschen blauen Augen und dem Septum. Hat die einen Instagramaccount, den ich mir mal angucken könnte?

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