Ein Plädoyer für den Pessimismus

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Eigentlich wollte ich einen Text über Drama schreiben. Mir wird dann und wann nämlich vorgeworfen, unnötig dramatisch zu sein. Ich wollte das verteidigen und mich rechtfertigen. Mir fiel dann auf: Der Kern meines Dramas ist eine andere Eigenschaft, die mir gern vorgeworfen wird (Warum wirft man das jemandem eigentlich vor?): Ich bin pessimistisch.

Da, es ist raus. Ich bin mit Leib und Seele Pessimistin.

Und wisst ihr was? Ich bin es gerne!

Viele Menschen schmücken sich damit, stets optimistisch durchs Leben zu gehen. Optimismus, das ist was freshes, das ist hip und gesund. Optimisten sind vital und stark und sehen das Leben im Sonnenschein. Wer möchte nicht stets auf der Sonnenseite sein? Pessimismus ist einfach out. Optimismus ist der shit und lässt sich blumiger verkaufen. Pessimisten ziehen runter, während Optimisten das Leben heller machen.

So, genug mit dem happy happy. Ich will nicht hip sein, ich will nicht vital und sonnenblumenregenbogeneinhornmäßig durchs Leben hüpfen. Ich nehme gern das Schlimmste an.

Doch Achtung: Bitte nicht Pessimismus mit Jammern verwechseln. Ich jammere – wenn überhaupt – still in mich hinein und belaste andere Leute damit so wenig wie möglich. Pessimismus – das kann auch einfach die Akzeptanz des Unvermeidlichen sein. Nein, Jammern und Pessimismus, das ist nichts zwingend Zusammenhängendes.

Ich liebe es, mich in den Abgründen meiner Seele zu verkriechen. Ich denke über all die negativen Dinge nach, die aus etwas entstehen könnten und bereite mich innerlich darauf vor. Es ist wie ein Wappnen, um das Folgende besser ertragen zu können. Und bei alledem geht es mir nicht schlecht. Es geht mir auch nicht super, wie soll es auch, aber auch der Optimismus hat mir noch keine gute Laune beschert. Pessimismus ist eher etwas, was ich an mir selbst gar nicht infrage stelle. Er gehört zu mir. So wie die Abgründe. Das dunkle Philosophieren über das Übel der Welt. Ich ergehe mich im Weltschmerz, aber ich finde es nicht schmerzhaft.

Pessimismus hat etwas Elegantes. Er ist still, akzeptierend, erwartend. Optimismus macht mich schnell ungeduldig. “Es wird schon alles gut gehen” – Ach ja, und woher hast du diese Information? Es macht mich regelrecht fuchsig, wenn mir gesagt wird, ich solle Dinge doch nicht so negativ sehen. Im Nachhinein betrachtet hat die Person oftmals Recht. Und oft eben auch nicht. 

Warum nicht für das Schlimmste gewappnet sein? Warum diese naiven happy shiny Erwartungen haben?

Ich bin trotzdem eine fröhliche Person. Ebenso fröhlich wie andere, optimistische Menschen. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Ich habe schöne Dinge in meinem Leben! Ich bin die meiste Zeit glücklich und froh über das, was ich habe, bin, kann und die Menschen, die mein Leben bereichern. Aber ich zelebriere auch meine dunkle, pessimistische Seite. Ich ziehe Kraft aus der Nachdenklichkeit und der Schwere.

Für mich ist das etwas Schönes.

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

(Rilke)

 

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